Mut und Weitsicht

Gemälde_Susanna Waitzinger_Schwarz_Weiß_800x800pxArchiv Miesbach

Susanna Waitzinger

Die Geschichte des Waitzinger Kellers führt zurück in ein aufblühendes Miesbach, als im 19. Jahrhundert das Kohlebergwerk so richtig in Schwung kam, in der Schützenstraße die Arbeiterhäuser entstanden und auf den Anhöhen die Villen. Durch das modernste Transportmittel der Zeit - die Eisenbahn - kann die Mies­bacher Kohle lukrativ nach München, Augsburg, Regensburg vermarktet werden. Aus der Gegenrichtung kommen immer mehr Sommerfrischler und Ausflugsgäste in das Miesbacher Oberland, um Erholung zu suchen, aber auch Speis und Trank wissen sie zu schätzen.

Beste Voraussetzungen für ein gut situiertes Unternehmen wie die Waitzinger Brauerei mit seinen zahlreichen Gastwirtschaften: Schon 25 Jahre lang leitet Su­sanna Waitzinger den Betrieb alleine - eine bewundernswerte Frau, voller Ideen und Tatkraft, mit hohem Verwaltungsgeschick begabt, umgänglich und mildtätig, zuvorkommend ihren Gästen gegenüber.

Seit längerem überlegt Susanna Waitzinger, wie sie der rasch anwachsenden Be­völkerung Miesbachs und dem immer stärker werdenden Zustrom von Sommer­frischlern und Ausflugsgästen durch Umbau und Erweiterung ihrer Loca!itäten gerecht werden könne. Besonders trifft das auf den terrassenartig angelegten Waitzinger Garten zu.

Im April 1876 legt die tüchtige Geschäftsfrau Pläne vor, die den Bau einer Keller­halle mit Platz für etwa 250 Gäste vorsehen. Zwei Jahre später haben sie Gestalt angenommen, das mächtige Gebäude auf der Anhöhe ist errichtet.

Dass Susanna Waitzinger im Rentenalter von 68 Jahren ein solches Projekt an­packt, ist nicht nur bezeichnend für die außerordentliche Energie dieser famosen Frau, sondern auch für den damals in Miesbach herrschenden Zeitgeist: Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und fester Glaube an die Zukunft.

Bis zur Jahrhundertwende hatte die Waitzinger Brauerei gewaltig expandiert und war mit einem Ausstoß von 90.000 Hektolitern pro Jahr zur größten Landbrauerei Bayerns geworden. Auch das Bergwerk stand in Blüte, Jahr für Jahr wurden die Fördermengen erhöht, rund 1500 Beschäftigte fanden in der Miesbacher Grube Arbeit und verdienten gut.

Als der mächtige Saal mit den herrlichen Jugendstilfenstern im Jahre 1906 er­richtet wurde, lebte die Bevölkerung in einer Zeit. die einerseits von großen Er­wartungen und andererseits von einem unerschütterlichen Glauben an Sicherheit und Beständigkeit erfüllt war: seit mehr als drei Jahrzehnten gab es ein geeintes Deutsches Kaiserreich und in Bayern regierte der Prinzregent schon seit zwanzig Jahren. Die gute alte Zeit.

Der Waitzinger Keller Saal wurde zum repräsentativen Raum für die bürgerliche Welt und ihre kulturellen Ansprüche. Mit dem Saal war die Volksbühne entstan­den. Da gab es ein Sommertheater, das neben anspruchsvollen Schauspielen auch Unterhaltsames zur Aufführung brachte. Der Saal erlebte auch glanzvolle Konzerte: zur Eröffnung am Sonntag, dem 5. August 1906, spielte die gesamte Regimentskapelle des Königlich-Bayerischen Chevauxlegers-Regiments. Die Mies­bacher Blaskapelle Renner und die Bergmannskapelle Ostermeier spielten auf, die großen Vereine feierten ihre Jubiläen, so der Gesellenverein und der Turnverein das 50jährige Bestehen im Mai bzw. August 1913.

Alle Veranstaltungen übertraf das große Miesbacher Volksfest, das sich in und um dieses Gebäude herum entfaltete. Ein Festzug gehörte dazu, an dem sich viele der fünfzig Miesbacher Vereine mit festlich geschmückten Wagen beteiligten.

Der Erste Weltkrieg bereitete all dieser Bürgerherrlichkeit ein jähes Ende. Die Aus­wirkungen waren für das Deutsche Reich tief greifend: Revolution, Ausrufung der Republik, Räteherrschaft - auch in Miesbach.

In der Folgezeit Elend, Not und Hunger, immer wieder Aufstände und Putschver­suche, Unzufriedenheit weit und breit. ein Gärkessel für das politisch Extreme.

Die politischen Probleme .taten indes der Lebensfreude keinen Abbruch. Ab Mitte der Zwanziger Jahre wurde im Waitzinger Keller Saal fortgesetzt, was vor dem Krieg begonnen hatte. Man feierte wie vordem Feste, veranstaltete Bälle, gab Konzerte und spielte Theater. Auch die Tradition des Volksfestes lebte wieder auf; rund um den Waitzinger Keller ging es lebhaft zu: es gab Aufmärsche, Stand­konzerte, Trab- und Galopprennen, Motorradrennen und vieles mehr. Am 1. Juli 1932 erschien als Krönung der Ereignisse das Luftschiff Graf Zeppelin über dem Miesbacher Volksfest.

Durch eindrucksvolle Massenveranstaltungen verstand es das Nazi-Regime, eine enorme repräsentative Pracht zu entfalten, hierfür war der Waitzinger Keller Saal die geeignete Bühne.

Miesbach war von unmittelbaren Einwirkungen des Zweiten Weltkriegs verschont geblieben; es hatte aber viele Heimatvertriebene aufgenommen. Das Dasein war bestimmt vom Kampf ums überleben. Im Waitzinger Keller Saal wurde in der da­maligen Notzeit die Schulspeisung ausgegeben, die jeder Schüler erhielt, der ge­wogen und für zu leicht befunden worden war.

Nach und nach wurde der Waitzinger Keller Saal wieder zu dem, was er vordem war, eine Hochburg kultureller und gesellschaftlicher Ereignisse.

Das Theater erlebte eine neue Blüte, die Volkshochschule verfügte sogar über eine eigene Theatergruppe, die Lore-Bronner-Bühne gastierte mit Dramen klassischer Dichter, der Chor- und Orchesterverein führte eine stattliche Anzahl gefälliger Sing­spiele auf, die Vereine boten Unterhaltsames und Besinnliches, Heimatabende, Chorkonzerte und dergleichen mehr.

Das Gymnasium sah in diesem Saal den idealen Raum für große Schulveranstal­tungen, Konzerte, Theateraufführungen und regelmäßig für die Abiturfeier.

Einen Höhepunkt in diesem Geschehen stellt die Wallenburger Verlobung dar, die im Juni 1968 ihre erste Aufführung erlebte. Dazu schrieb die Heimatzeitung: Das müssen andere Städte gleicher Größenordnung den Miesbachern einmal nachmachen: ein Festspiel, geschrieben vom eigenen Bürgermeister, aufgeführt von mehr als einem halben Hundert eigener Bürger.

Drei Jahrzehnte lang war nach 1945 der Saal Schauplatz kultureller, gesellschaft­licher und politischer Ereignisse.

Letztendlich mußte der Waitzinger Keller aber den gleichen Niedergang durch­machen wie die Waitzinger AG selbst. Investitionen blieben aus, seit Jahren an­stehende Renovierungsarbeiten wurden nicht durchgeführt, die behördlichen Auflagen konnten nicht mehr erfüllt werden. 1976 wurde der Keller-Saal für den Veranstaltungsbetrieb gesperrt, ein Schwelbrand im März 1986 ließ das mächtige traditionsreiche Haus - 1982 unter Denkmalschutz gestellt - endgültig zur Bau­ruine werden.

Schließlich erwarb 1987 die Stadt Miesbach das Gelände. Nach langen und kon­troversen Diskussionen fasste der Stadtrat im Januar 1992 mit 13 zu 8 Stimmen den Beschluss, den alten Waitzinger Keller mit beträchtlichem finanziellen Auf­wand zu einem Kulturzentrum mit Stadthalle und gastronomischen Einrichtungen sowie Räumen für die Volkshochschule auszubauen.

Ein schwieriger Bau

Sieben Jahre hatte es gedauert vom Realisierungswettbewerb Umbau des ehe­maligen Waitzinger Kellers in Miesbach zu einer Stadthalle bis zur Eröffnung des Kulturzentrums am 26. September 1997. Ein schwieriges Bauwerk mit vielfältigen Funktionsverflechtungen und einer denkmalpflegerisch zu erhaltenden Substanz. Andreas Gottlieb Hempel, der beauftragte Architekt, erinnert sich: Vorgefunden haben wir eine Bauruine in einem schlimmen Zustand. Es bedurfte schon großen Zutrauens von allen Seiten, um sich vorzustellen, dass aus diesem durchfeuchte­ten Gemäuer, das auch vom Hausschwamm befallen war, eine Stadthalle werden sollte, in die nicht nur viele neue Funktionen Einzug halten sollten, sondern dessen ehemaliger Saal wieder seinen alten Glanz zurückerhalten sollte. Im Entwurf kon­zentrierten wir uns darauf, den Saal und die schönen Kellergewölbe in den Mittel­punkt zu stellen. Es war die wichtigste Entwurfsabsicht, der künftigen Stadthalle eine ganz besondere architektonische Atmosphäre zu verleihen: Altes und Neues sollte so verbunden werden, dass ein unverwechselbarer Raumeindruck entsteht. Weder Almhütte noch Kulturlabor.

Die Umsetzung dieses Vorhabens darf man als gelungen betrachten, die baulichen Anlagen im Waitzinger Keller-Kulturzentrum Miesbach mit dem wundervollen Saal und den urtümlichen Gewölben suchen weit und breit ihresgleichen.

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